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Foto: hsd

Sommerrundbrief 2019

von Rolf Bade, Vorsitzender der GOK

Sommer, Sonne, freie und stille Zeit

Liebe Mitglieder und Gäste
der Synodalgruppe "Gruppe Offene Kirche",

mit den etwas abgewandelten Worten von H. D. Hüsch wünscht der Vorstand den Mitgliedern und Gästen unserer Synodalgruppe einen großen Sommer, mit einem Korb voller Ruhe und vielen hoffnungsvollen Blicken auf Grün und Blau, auf Wiesen, Wasser, weiße Strände, Schneeberge und tiefe Täler – vor allem aber mit leisen Tagen und Wochen, mit freier und stiller Zeit.

"Gott unser Herr möge diese Stille segnen
Möge diese Stille denen überall in die Ohren blasen
Die unsere Zeit noch schneller machen möchten
Und damit noch kürzer noch atemloser
Gott unser Herr wir bitten dich: Mach es!
Auf dass unser Herz wieder Luft schnappen kann
Unser Auge aufhört zu zappeln
Unser Ohr wieder richtig hört
Und nicht alles vergisst
Denen die uns dies alles austreiben möchten
Möge Gott der Herr einen Blitz ins Gesäß jagen
Damit sie ihr unmenschliches Tun einsehen
Und die Menschen seines Wohlgefallens in Ruhe lassen…
Und wir wollen unseren Herrgott abermals bitten
Dieses Ansinnen von uns überall zu segnen
Und weil es sein muss sofort und immerdar!
Danke und Amen."

(H. D. Hüsch: Segen für Allewelt)

H. D. Hüsch, Segen für Allewelt

Doch bevor Du aufbrichst, Sie aufbrechen, um Luft zu schnappen, um aufzuhören zu zappeln, um richtig zu hören, möchte sich der Vorstand bedanken. Bedanken für den großen Einsatz im ersten halben Jahr des nun letzten Synodenjahres der 25. Landes-synode. Im Zusammenspiel mit den anderen kirchenleitenden Organen haben wir wichtige Beschlüsse gefasst und neue Wege beschritten. Besonders hervorzuheben sind hier:

  • Die Trauung gleichgeschlechtlicher Paare

Mit der neuen Handreichung hat unsere Landeskirche ein lange währendes und keineswegs konfliktfreies Kapitel Kirchengeschichte abgeschlossen. Die Trauung gilt unterschiedslos und ab sofort. Wie gut wäre es, wenn sie recht bald in allen Landeskirchen der VELKD und EKD gelten und Praxis werden würde.

  • Die neue Verfassung

Nach einem umfassenden innerkirchlichen Beratungs- und Beteiligungsprozess hatte der Verfassungsausschuss einen Entwurf für eine neue Kirchenverfassung vorgelegt, der bis auf eine Formulierung zum Verhältnis von Juden und Christen in der Synode und in den anderen kirchenleitenden Organen auf ganz große Zustimmung stieß. Die eine Formulierung konnte im Vorfeld der Schlussabstimmung so rechtzeitig geklärt werden, dass die Landessynode die neue Verfassung mit Wirkung ab 1. Januar 2020 einhellig verabschiedete. Wieder einmal haben sich das hohe Diskussionsniveau, die Konfliktfähigkeit sowie der Wille zur Verständigung in unserer Landeskirche gezeigt, insbesondere auch in der Landessynode und in unserer Synodalgruppe. Das ist ein hohes Gut! Nun gilt es, die neue Verfassung mit Leben zu füllen und den Unterschied zwischen Verfassungsanspruch und Verfassungs-wirklichkeit in der kirchlichen Alltagspraxis mög-lichst klein zu halten.

  • Die Klimaschutzdebatte

Der beeindruckende Auftritt der beiden jungen Frauen aus der Demonstrationsbewegung "Fridays for Future" vor der Landessynode hat zu einer intensiven Auseinandersetzung mit dem Thema "Klimaschutz" geführt. Offensichtlich wurde, dass unsere Kirche beim Klimaschutz ihren eigenen Ansprüchen bei weitem noch nicht genügt. Viele konkrete Vorschläge wurden in der Synodendebatte eingebracht, neue Anträge wurden gestellt. In den kommenden Tagungen der Landessynode wird sich zeigen, welche der Vorschläge und Anträge bereits aufgegriffen und umgesetzt werden konnten. Klimaschutz verträgt keinen Aufschub! Mit dem Thema sollten wir uns deshalb in jeder Synodentagung beschäftigen.

  • Der "Pfarrberuf 2030" und die Freiburger Studie

"Wir reiten die Welle" – allein der Titel verdeutlicht, vor welchen Herausforderungen unsere Landeskirche hinsichtlich der Gestaltung des Pfarrberufes und der Nachwuchs-gewinnung steht. Die zeitnahe Wiederbesetzung freiwerdender Stellen, flexiblere Zugänge zum Pfarrberuf oder die Leitung und Gestaltung einer Kirchengemeinde durch ein Team aus Haupt- und Ehrenamtlichen stehen im Mittelpunkt der Überlegungen. Zu Recht hat sich die Landessynode in diesem Zusam-menhang besonders enttäuscht darüber gezeigt, dass das theologische Studienkonzept für den Quereinstieg in der Theologischen Fakultät Göttingen nicht mehrheitsfähig gewesen ist. Die Freiburger Studie zur Kirchengliedentwicklung bis zum Jahre 2060 zwingt uns, an vielen Stellen noch viel radikaler zu denken als bisher. Ein neuer "Perspektivausschuss", der nicht nur fragt: "Welche Kirche wollen wir sein?", sondern auch: "Welche Kirche ist der Protestantismus den Menschen im 21. Jahrhundert schuldig?", so A. Henze in seinem Buch "Kann Kirche Demokratie", sollte deshalb durch seine Zusammensetzung nicht nur die innerkirchlichen, sondern auch die außerkirchlichen Perspektiven und Erwartungs-haltungen berücksichtigen.

  • Die gemeinsame Synodentagung und die Konföderation

Das war ein starkes Zeichen! Die gemeinsame Tagung der braunschweigischen und hannoverschen Landessynode darf als Ermutigung dafür angesehen werden, unter den Synodalen nicht nur den Gedankenaustausch zu vertiefen und zu systematisieren, sondern im Rahmen des Konföderationsvertrages mehr und mehr die Handlungsfelder zu identifizieren, in denen kirchenübergreifend gemeinsam gearbeitet und Einrichtungen gemeinsam verantwortet und getragen werden können. Die Befragungen im Rahmen der Evaluation des gelten Konföderationsvertrages zeigen schon jetzt, dass "von unten" noch viel mehr zusammenwachsen kann, was zusammengehört, z.B. in den Handlungsfeldern Bildung, Jugend, Mission, Umwelt- und Klimaschutz, Kirche und Arbeitswelt, Bauverwaltung oder Kirchenamtsverwaltung.

Deine, Ihre Arbeit in den Ausschüssen, in der Synodalgruppe und während der Plenartagung hat ganz maßgeblich zur gemeinsamen Willensbildung und zu den guten sachbezogenen Ergebnissen beigetragen. Nochmals großen Dank dafür!

Gut sind Orte, die für nichts stehen, außer dass einem dort Kraft zufließt! Sie widersetzen sich jeglicher Totalitätserwartung und versöhnen mit gelungenen Halbheiten. Im Namen des Vorstandes unserer Synodalgruppe "Gruppe Offene Kirche" wünsche ich Dir, Ihnen solche Orte in der nun anstehenden Sommerzeit. Und sollten sich doch einmal Anzeichen der Überforderung einstellen, so möge der Zitronenfalter* der Tour de France vorbeiflattern:

"Als die Spitzengruppe von einem Zitronenfalter überholt wurde, 
gaben viele Radfahrer das Rennen auf." 

(G. Grass)

Günter Grass

Synodalgruppe wird 50

Bitte vormerken: In diesem Jahr wird die Synodalgruppe "Gruppe Offene Kirche" 50 Jahre alt! Dieses besondere Ereignis wollen wir im Rahmen unserer Tagung am 9. November 2019 nachmittags fröhlich begehen. Zeitzeugen aus den Anfängen der GOK haben ihr Kommen bereits zugesagt.

Ich freue mich auf das Wiedersehen nach der Sommerpause. Bis dahin bleib Du, bleiben Sie behütet!

gez. Unterschrift
(Rolf Bade)